Thema: Namenlos
04. Februar 10 | Autor: tropfkerze | 0 Kommentare | Kommentieren
Diese beiden Überlegungen - erstens eine Wiederholung der Platonischen Argumente, zweitens aber auch die Kritik an ihrer Übertragbarkeit (weshalb ich ihm dankbar bin) - bringt der Dichter Ovid sehr anschaulich in seinen Metamorphosen zu Wort, wo es um ein lesbisches Mädchen geht:
Nie treibt Liebe die Kuh zur Kuh, zur Stute die Stute;
Wollvieh brennt für den Widder; nachgeht dem Hirsche die Hindin;
Vögel begatten sich so, und unter den sämtlichen Tieren
Ist kein Weibchen von Brunst nach anderem Weibchen ergriffen.
(Ov. Met. 9.731ff)
Das wäre also Platos verbitterte Greisentheorie, dann aber sieht Ovid selbst, wie wenig aussagekräftig tierisches Verhalten ist, wenn er sich Fragen über den Inzest stellt:
Lust einigt die andern Geschöpfe
Ohne Bedenken und Wahl. Auf dem Rücken zu tragen den Vater
Gilt nicht schimpflich der Kuh; dem Hengst wird Gattin die Tochter;
Schafen gesellt sich der Bock, die selbst er gezeugt, und der Vogel
Lässt sich befruchten von ihm, des Samen die Mutter empfangen.
Glücklich fürwahr, wem solches erlaubt! Nur menschliche Sorge
Gab boshaftes Gesetz, und neidische Rechte versagen,
Was zulässt die Natur. (10.324ff)
Tatsächlich, wenn ich da einmal nachhaken darf: wenn der Löwe die Kinder seines Vorgängers im Rudel auffrisst: welche Schlüsse ziehen wir daraus für menschliches Verhalten? Ist es gerechtfertigt, weil es ja offenbar einer gewissen Natur entspricht - und wäre die Natur eines Löwen die schlechteste? Wieviele Städte und Staaten tragen nicht den Löwen als Wappentier! Ist es aber vielleicht gerechtfertigt, gerade weil es sich um ein Tier handelt und wir Menschen etwas Besseres sind? Fragen über Fragen - doch wo sind die Antworten?
Platos Greisentheorie findet man auch im Roman des Longinus, Daphnis und Chloe wieder, den ich auszugsweise hier im Blog schon einmal vorgestellt habe, das entscheidende Zitat lautet:
Da ihn nun Daphnis endlich verstand und sagte, daß Böcke die Ziegen besprängen, zieme sich wohl; nie aber habe man einen Bock gesehen, der einen Bock, oder einen Widder, der statt der Schafe einen andern Widder, oder Hähne, die statt der Hennen andere Hähne bestiegen.
Platons These von der Widernatürlichkeit nahm Paulus wieder auf, auch den hatten wir schon einmal - nichts Neues gibt es unter der Sonne -, und zwar im Römerbrief:
Darum lieferte Gott sie entehrenden Leidenschaften aus: ihre Frauen vertauschten den natürlichen Verkehr mit dem widernatürlichen; ebenso gaben die Männer den natürlichen Verkehr mit der Frau auf und entbrannten in Begierde zueinander; Männer trieben mit Männern Unzucht und erhielten den gebührenden Lohn für ihre Verirrung. (Röm 1, 26-27)
Und mit den Autoritäten von Platon und Paulus in der Hinterhand konnte das "Argument" der Widernatürlichkeit seines Siegeszug ins christliche Abendland antreten. Bis heute noch, würde ich behaupten, selbst wenn man es vielleicht nicht mehr in Büchern findet, dann aber gewiss noch in den Köpfen. Klammheimlich: ...wenn da zwei Männer, widerspricht das nicht allem, was in der Natur...? Oder wenn das Hohe Gericht von Dublin im Jahr 1980 erklärt, dass «die gegenwärtige christliche Moral in diesem Lande Unzucht oder irgendeine sexuelle Handlung zwischen Menschen gleichen Geschlechts nicht hinnimmt». Der Grund sei, dass «die Vermehrung und die Erhaltung der jeweiligen Art die Hauptaufgabe der Geschlechtsorgane aller Tiere sei - inklusive des Menschen» (*). Also: das Argument zieht immer noch; es ist noch lange nicht tot. Doch dies nur am Rande. Zurück zum Christentum, denn nun kommen wieder die Tiere ins Spiel, und zwar in der Epistel des Barnabas. Selbst wenn diese Schrift nie EInzug in den allerheiligsten katholischen Kanon gefunden hat, war sie doch vin großer Wirkkraft über die Jahrhunderte hinweg. Dieser Barnabasbrief beschäftigt sich mit den Reinheitsgeboten des Buches Levithicus, nimmt dort die verschiedenen Tiere durch, von denen man sich fernhalten muss, und kommt dann auf Hase, Wiesel und Hyäne:
Aber auch den Hasen sollst du nicht essen. Weshalb? Er will sagen, du sollst kein Knabenschänder werden noch solchen ähnlich werden, weil der Hase jedes Jahr seinen After vervielfältigt; denn so viele Jahre er lebt, so viele Öffnungen hat er. Aber auch die Hyäne sollst du nicht essen. Er will sagen, du sollst kein Ehebrecher oder Knabenschänder oder etwas Derartiges werden. Weshalb? Weil dieses Tier jedjährlich sein Geschlecht ändert und bald männlich, bald weiblich wird. Aber auch das Wiesel verfolgt sein Hass mit gutem Grunde; er will sagen, du sollst nicht werden wie Leute, von denen man hört, dass sie aus Lasterhaftigkeit mit dem Munde Unzucht treiben, und du sollst nicht mit den verdorbenen Weibern verkehren, die mit ihrem Munde das Böse tun; denn dieses Tier wird durch den Mund schwanger.
Auch Clemens von Alexandrien stößt in das Horn des Barnabas:
Und zwar sagt man vom Hasen, daß er jedes Jahr einen neuen After bekomme und also ebenso viele Öffnungen habe, als er Jahre gelebt habe; demnach bedeute das Verbot, den Hasen zu essen, die Verwerfung der Knabenliebe; von der Hyäne dagegen sagt man, daß sie jedes Jahr abwechselnd das männliche Geschlecht mit dem weiblichen vertausche; derjenige, der keine Hyäne esse, deute also damit an, daß man nicht auf Buhlerei ausgehen dürfe. (Clem. Paed. 2.10.83.5) (**)
Sicher gibt es heute noch Theologen, die solchem geistigen Unflat noch einen innerlich tiefsten Sinn beilegen, der Biologe Volker Sommer kommentiert dagegen diese Aussagen wie folgt:
Wir sind hier mit einem der auffälligsten Charakteristika christlicher Argumentation gegen Homosexualität konfrontiert: Sie entbehrt jeder Logik und ist doch nachhaltig wirksam. Moses hat den drei Tieren diese bizarren Praktiken jedenfalls nicht zugeschrieben, aber die Fabeleien lassen sich auf verschiedene antike Quellen zurückführen. Warum dem Hasen mehrere Ani angedichtet wurden, ist unklar - seine Paarungsstellung ist jedenfalls nicht außergewöhnlich. Spätere Autoren haben fast durchgehend «Kinder-Belästiger» als «Knaben-Belästiger» übersetzt, weil sie Päderastie mit Homosexualität gleichsetzten. Aber selbst dann ist die Beziehung zwischen «Knaben-Belästiger» und einem Tier mit vielen Ani alogisch: denn natürlich wäre der Anus der Knaben von Interesse, nicht der des Belästigers.
Mehr zu den Hyänen, Wiesel und Hasen demnächst.
---
(*) aus Du&Ich, Dezember 1980
(**) Nun wissen wir, was an der Knabenliebe falsch ist: Man bekommt jedes Jahr einen neuen After! Man muss allerdings zur Ehrenrettung des Clemens sagen, dass er nicht alle diese "Theorien" ernst nimmt, dazu lese man einfach das X. Kapitel des 2. Buch seines Paedagogicus.
Nie treibt Liebe die Kuh zur Kuh, zur Stute die Stute;
Wollvieh brennt für den Widder; nachgeht dem Hirsche die Hindin;
Vögel begatten sich so, und unter den sämtlichen Tieren
Ist kein Weibchen von Brunst nach anderem Weibchen ergriffen.
(Ov. Met. 9.731ff)
Das wäre also Platos verbitterte Greisentheorie, dann aber sieht Ovid selbst, wie wenig aussagekräftig tierisches Verhalten ist, wenn er sich Fragen über den Inzest stellt:
Lust einigt die andern Geschöpfe
Ohne Bedenken und Wahl. Auf dem Rücken zu tragen den Vater
Gilt nicht schimpflich der Kuh; dem Hengst wird Gattin die Tochter;
Schafen gesellt sich der Bock, die selbst er gezeugt, und der Vogel
Lässt sich befruchten von ihm, des Samen die Mutter empfangen.
Glücklich fürwahr, wem solches erlaubt! Nur menschliche Sorge
Gab boshaftes Gesetz, und neidische Rechte versagen,
Was zulässt die Natur. (10.324ff)
Tatsächlich, wenn ich da einmal nachhaken darf: wenn der Löwe die Kinder seines Vorgängers im Rudel auffrisst: welche Schlüsse ziehen wir daraus für menschliches Verhalten? Ist es gerechtfertigt, weil es ja offenbar einer gewissen Natur entspricht - und wäre die Natur eines Löwen die schlechteste? Wieviele Städte und Staaten tragen nicht den Löwen als Wappentier! Ist es aber vielleicht gerechtfertigt, gerade weil es sich um ein Tier handelt und wir Menschen etwas Besseres sind? Fragen über Fragen - doch wo sind die Antworten?
Platos Greisentheorie findet man auch im Roman des Longinus, Daphnis und Chloe wieder, den ich auszugsweise hier im Blog schon einmal vorgestellt habe, das entscheidende Zitat lautet:
Da ihn nun Daphnis endlich verstand und sagte, daß Böcke die Ziegen besprängen, zieme sich wohl; nie aber habe man einen Bock gesehen, der einen Bock, oder einen Widder, der statt der Schafe einen andern Widder, oder Hähne, die statt der Hennen andere Hähne bestiegen.
Platons These von der Widernatürlichkeit nahm Paulus wieder auf, auch den hatten wir schon einmal - nichts Neues gibt es unter der Sonne -, und zwar im Römerbrief:
Darum lieferte Gott sie entehrenden Leidenschaften aus: ihre Frauen vertauschten den natürlichen Verkehr mit dem widernatürlichen; ebenso gaben die Männer den natürlichen Verkehr mit der Frau auf und entbrannten in Begierde zueinander; Männer trieben mit Männern Unzucht und erhielten den gebührenden Lohn für ihre Verirrung. (Röm 1, 26-27)
Und mit den Autoritäten von Platon und Paulus in der Hinterhand konnte das "Argument" der Widernatürlichkeit seines Siegeszug ins christliche Abendland antreten. Bis heute noch, würde ich behaupten, selbst wenn man es vielleicht nicht mehr in Büchern findet, dann aber gewiss noch in den Köpfen. Klammheimlich: ...wenn da zwei Männer, widerspricht das nicht allem, was in der Natur...? Oder wenn das Hohe Gericht von Dublin im Jahr 1980 erklärt, dass «die gegenwärtige christliche Moral in diesem Lande Unzucht oder irgendeine sexuelle Handlung zwischen Menschen gleichen Geschlechts nicht hinnimmt». Der Grund sei, dass «die Vermehrung und die Erhaltung der jeweiligen Art die Hauptaufgabe der Geschlechtsorgane aller Tiere sei - inklusive des Menschen» (*). Also: das Argument zieht immer noch; es ist noch lange nicht tot. Doch dies nur am Rande. Zurück zum Christentum, denn nun kommen wieder die Tiere ins Spiel, und zwar in der Epistel des Barnabas. Selbst wenn diese Schrift nie EInzug in den allerheiligsten katholischen Kanon gefunden hat, war sie doch vin großer Wirkkraft über die Jahrhunderte hinweg. Dieser Barnabasbrief beschäftigt sich mit den Reinheitsgeboten des Buches Levithicus, nimmt dort die verschiedenen Tiere durch, von denen man sich fernhalten muss, und kommt dann auf Hase, Wiesel und Hyäne:
Aber auch den Hasen sollst du nicht essen. Weshalb? Er will sagen, du sollst kein Knabenschänder werden noch solchen ähnlich werden, weil der Hase jedes Jahr seinen After vervielfältigt; denn so viele Jahre er lebt, so viele Öffnungen hat er. Aber auch die Hyäne sollst du nicht essen. Er will sagen, du sollst kein Ehebrecher oder Knabenschänder oder etwas Derartiges werden. Weshalb? Weil dieses Tier jedjährlich sein Geschlecht ändert und bald männlich, bald weiblich wird. Aber auch das Wiesel verfolgt sein Hass mit gutem Grunde; er will sagen, du sollst nicht werden wie Leute, von denen man hört, dass sie aus Lasterhaftigkeit mit dem Munde Unzucht treiben, und du sollst nicht mit den verdorbenen Weibern verkehren, die mit ihrem Munde das Böse tun; denn dieses Tier wird durch den Mund schwanger.
Auch Clemens von Alexandrien stößt in das Horn des Barnabas:
Und zwar sagt man vom Hasen, daß er jedes Jahr einen neuen After bekomme und also ebenso viele Öffnungen habe, als er Jahre gelebt habe; demnach bedeute das Verbot, den Hasen zu essen, die Verwerfung der Knabenliebe; von der Hyäne dagegen sagt man, daß sie jedes Jahr abwechselnd das männliche Geschlecht mit dem weiblichen vertausche; derjenige, der keine Hyäne esse, deute also damit an, daß man nicht auf Buhlerei ausgehen dürfe. (Clem. Paed. 2.10.83.5) (**)
Sicher gibt es heute noch Theologen, die solchem geistigen Unflat noch einen innerlich tiefsten Sinn beilegen, der Biologe Volker Sommer kommentiert dagegen diese Aussagen wie folgt:
Wir sind hier mit einem der auffälligsten Charakteristika christlicher Argumentation gegen Homosexualität konfrontiert: Sie entbehrt jeder Logik und ist doch nachhaltig wirksam. Moses hat den drei Tieren diese bizarren Praktiken jedenfalls nicht zugeschrieben, aber die Fabeleien lassen sich auf verschiedene antike Quellen zurückführen. Warum dem Hasen mehrere Ani angedichtet wurden, ist unklar - seine Paarungsstellung ist jedenfalls nicht außergewöhnlich. Spätere Autoren haben fast durchgehend «Kinder-Belästiger» als «Knaben-Belästiger» übersetzt, weil sie Päderastie mit Homosexualität gleichsetzten. Aber selbst dann ist die Beziehung zwischen «Knaben-Belästiger» und einem Tier mit vielen Ani alogisch: denn natürlich wäre der Anus der Knaben von Interesse, nicht der des Belästigers.
Mehr zu den Hyänen, Wiesel und Hasen demnächst.
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(*) aus Du&Ich, Dezember 1980
(**) Nun wissen wir, was an der Knabenliebe falsch ist: Man bekommt jedes Jahr einen neuen After! Man muss allerdings zur Ehrenrettung des Clemens sagen, dass er nicht alle diese "Theorien" ernst nimmt, dazu lese man einfach das X. Kapitel des 2. Buch seines Paedagogicus.
Das Auge sieht alles!