Thema: Namenlos
08. Februar 10 | Autor: tropfkerze | 0 Kommentare | Kommentieren
Das Helfer-Am-Nest-Sydrom ist ein weiteres Beispiel eines Verhaltens, das nicht direkt die Nachkommenschaft erhöht, aber im Rahmen einer adaptiven Strategie erfolgreich sein kann. Um dieses Phänomen zu verstehen, muss man sich erst einmal mit dem Thema der Gesamtfitness vertraut machen, die der Biologe William Hamilton entworfen und Edward Wilson populär gemacht hat - im Gegensatz zur "egoistischen" Darwin-Fitness. Die Gesamtfitness geht davon aus, dass für den Reproduktionserfolg nicht die Anzahl der direkten Gene von Bedeutung ist, sondern auch der indirekten. Wenn ein Individuum Verwandten hilft - also den Brüdern, Schwestern usw. -, z.B. Eier auszubrüten bzw. Kinder großzuziehen, dann hielt das zumindest zumindest zu einem gewissen Teil auch seine eigene Gene zu erhalten: Geschwister teilen sich ca. 50% der Gene wie übrigens auch die ureigenen Kinder mit den Eltern - die Kinder der Geschwister haben dann immerhin zu 25% den Genbestand dieses Individuums. Wenn ältere Geschwister die Rolle der Eltern übernehmen, dann handeln sie damit auch "gen-egoistisch"; Soziobiologien wie Edward Wilson nennen solche Strategien "kinship-selection" (Verwandtschaftsselektion). Diese Kinship-Selektion stellt übrigens auch den Schlüssel zur Verfügung, wie man staatenbildende Tierarten (Ameisen, Bienen) soziobiologisch zu interpretieren hat; am Beispiel der Bienen will ich das illustrieren:
«Weibchen bekommen je die Hälfte ihres Erbgutes von der Mutter, die andere Hälfte vom Vater. Die Wahrscheinlichkeit, daß zwei Schwestern denselben Chromosomensatz von der Mutter haben, beträgt 0.5, denn die Mutter besitzt zwei Chromosomensätze. Der Vater aber hat nur einen Satz: Die Wahrscheinlichkeit, daß zwei Schwestern vom Vater denselben Satz bekommen, ist also gleich 1. Es ergibt sich ein Verwandtschaftsverhältnis von zwei Schwestern von (0.5 x 0.5) + (0.5 x 1.0) = 0.75. Da die Mutter nur einen ihrer beiden Chromosomensätze an jede Tochter weitergeben kann, beträgt die Verwandtschaft zwischen Mutter und Tochter 1/2. Demnach sind also Schwestern untereinander näher verwandt als Mutter und Tochter. Männchen dagegen bekommen ihr ganzes Erbgut von der Mutter. (...) Wenn nun ein Individuum für soziale Hilfeleistungen jeweils die ihm nächst verwandten Individuen bevorzugt, weil es damit seinem Erbgut den größten Vorteil verschafft, dann müßten hier weibliche Tiere bevorzugt für ihre Schwestern sorgen, mit denen sie 3/4, verwandt sind, anstatt für eigene Junge, mit denen sie ja nur 1/2 verwandt wären. Und genau dies geschieht tatsächlich: Die Staaten der Bienen, Ameisen und anderer Hautflügler bilden sich ja gerade dadurch, daß die weiblichen Nachkommen einer Königin auf eigene Nachkommen verzichten und als sterile Arbeiterinnen die weiteren Eier und Larven ihrer Mutter pflegen, aus denen wieder Schwestern schlüpfen«.
Diese eigentümliche Verwandtschaftsverhältnisse machen übrigens deutlich, dass nicht nur die tumbe Rein- und Raus-Methode (ich meine den Geschlechtsverkehr) Gene ausstreut, sondern dass es mancherlei Umwege geben kann, die ähnliches bewerkstelligen. Will ich 50% meiner Gene aussäen, kann ich Kinder zeugen oder meine Geschwister unterstützen - es käme auf dasselbe hinaus (eigenartigerweise muss man sich dann aber fragen, warum soviele Geschwister miteinander im Streit leben?). Ich will dieses Prinzip an einem anderen Beispiel veranschaulichen: wenn ich eine auf die Nase kriege, kann ich sofort zurückschlagen, und wenn ich stärker bin als der Gegner, hat das einen unmittelbaren und vielleicht nachhaltigen Erfolg. Bin ich dagegen schwächer, genügt es womöglich, einen anderen anzustacheln, meinem Widersacher auf die Fresse zu hauen oder, wie Ringelnatz das ausdrückt, in die Fresse zu knacken. Sobald mein Kumpel stark genug genug ist, kann das Ziel hervorragend erreicht werden - weitaus besser, als hätte ich Schwächling selbst zugelangt. So verlaufen die Spiele der Macht - und sie sind von den Spielen der Vererbung womöglich nicht allzu weit getrennt.
Die Kin-Selection ist von Edward Wilson auch auf die Homosexualität übertragen worden, weswegen ich sie hier vorstelle, und zwar in der New York Times vom 22.10.1975:
«Homophile werden in unserer Gesellschaft weithin abgelehnt - wegen eines engstirnigen und unfairen biologischen Vorurteils: Ihre sexuelle Orientierung führt nicht zur Produktion von Kindern; deshalb können sie nicht sein. Sofern man Verständnis für diese Ansicht haben kann, ist sie eben Darwinismus im traditionellen eingeschränkten Sinne: Homosexualität führt nicht zur direkten Vermehrung von Genen. Aber Homosexuelle können Gene über Verwandten-Selektion vervielfältigen, vorausgesetzt, sie verhalten sich gegenüber Verwandten genügend selbstlos. Einiges spricht dafür, daß im frühen Jäger-Sammler-Abschnitt der menschlichen Evolution - und vielleicht sogar noch später - Homosexuelle regelmäßig als sterile Kaste dienten; sie förderten so das Überleben und den Reproduktionserfolg ihrer Verwandten durch eine effektivere Form der Unterstützung, als dies möglich gewesen wäre, hätten sie eigene Kinder gehabt. Wenn solche Kombinationen miteinander verwandter Hetero- und Homosexueller im Durchschnitt mehr Nachkommen hinterließen als ähnliche Gruppen reiner Heterosexueller, würde die Homosexualität stets ein prominentes Merkmal in der ganzen Population bleiben. Und sie ist zum Unbehagen von Anthropologen, Biologen und anderen noch heute in der großen Mehrzahl menschlicher Gesellschaften unübersehbar. Es existieren keine diese neue Hypothese der VerwandtenSelektion unterstützenden Evidenzen. Sie ist noch nicht einmal kritisch untersucht worden. Aber die Tatsache, daß sie in sich schlüssig ist und sich mit den Ergebnissen bezüglich der Verwandten-Selektion bei anderen Organismen deckt, sollte uns zu denken geben, bevor wir Homosexualität mit dem Aufkleber versehen».
Weiter mit den Tieren.
Andere adaptiven Mechanismen sind z.B. die indirekte Besamung: ein Männchen kann Samen bei seinem "Geliebten" platzieren, der wiederum diesen Samen weitergibt an die Weibchen, eine schräge Variante, die man von Brotkäfern (Tribolium castaneum) her kennt. Es gibt weiterhin die "Überdominanz"-Strategie, dann auch, was die Autoren "antagonistische Selektion" nennen: Genvarianten, die gleichgeschlechtliches Verhalten bei männlichen Kinder bereitstellen, erhöhen die Reproduktionschancen von Töchtern; das kann bei Realteilungsverhältnissen unter Menschen von Vorteil sein.
3. Die Autoren nennen jedoch auch nicht-adaptive Mechanismen. Z.B. ist es möglich, dass die Geschlechter bei gewissen Tierarten schlecht zu unterscheiden sind und daraus ein erhöhtes Auftreten von gleichgeschlechtlichen Aktivitäten aus einem Missverständnis heraus geschehen. Weiterhin ist der sogenannte "Gefangenen-Effekt" (prisoner effect) bekannt (auch "Nothomosexualität" geheißen): es handelt sich hier um Situationen, wo Weibchen nicht zur Verfügung stehen (wie in Gefängnissen, Internaten, bei der Armee u.ä.). Auch ungenügende Anpassung an eine neue Umwelt kann homosexuelles Verhalten erhöhen, ohne dass dies irgendeinen evolutionären Vor- bzw. Nachteil hätte.
4. Doch jenseits solcher Mechanismus, die ursächlich für gleichgeschlechtliches Verhalten sind, spekulieren die Autoren auch über evolutionäre Wirkungen solchen Verhaltens. Wenn homosexuelles Verhalten in bestimmten Tierarten bzw. unter gewissen Umständen in nennenswertem Umfang vorkommt - die Hälfte aller beobachteten Kopulationen bei Tümmlern ist gleichgeschlechtlich (!), ein Viertel aller Kopulationen bei Bartgeiern (*) -, dann wird das auch langfristige Effekte nach sich ziehen. Solche Überlegungen sind bis dahin noch nicht angestellt worden, und daher sind die Antworten zunächst einmal spekulativ.
Bei Vögeln hat man übrigens herausgefunden, dass männliche Homosexualität eher in polygamen, weibliche Homosexualität dagegen eher in monogamen Populationen vorkommt. Zuk und Bailey nennen für den letzten Fall etwa eine Kolonie von Albatrossen in Hawaii. Dort findet man brütende Paare, 31% davon sind rein weiblichen Paare, die auch gemeinsam die Eier ausbrüten. Warum? Bei Albatrossen müssen zwei Individuen Eier ausbrüten, eines allein genügt nicht. Der Bruterfolg der "lesbischen" Paare war dementsprechend größer als der Bruterfolg einsamer Weibchen. Gleichzeitig scheinen die lesbischen Paare "Scheidungen" von gemischtgeschlechtlichen Paaren zu verhindern, indem sie nämlich verhindern, dass sich Männchen an die Weibchen heranmachen (weil sie sie selbst schon in Beschlag genommen haben). Dadurch bleiben die Männchen brav und brüten weiter, statt sich um Sex zu bemühen. Ähnliche Verhaltensweisen hat man auch bei Rosenseeschwalben und Kalifornischen Möwen beobachtet. So helfen lesbische Frauen, notgeile Männer im Zaum zu halten!

Aber auch gegenteilige Wirkungen kann es geben; die Autoren nennen dies "sexuelle Selektion": hier werden männliche Tiere von Männchen angelockt, um danach selbst bessere Chancen bei den vernachlässigten Weibchen zu haben. Das ist - so würde ich es nennen - fies, aber so ist nun einmal die Tierwelt: Dungfliegen, Wüstenheuschrecken und Wespen machen es so.
Solche Effekte kann man "indirekte genetische Effekte" nennen, d.h. Effekte, durch die ein bestimmtes Individuum die Umwelt bzw. den Phänotyp eines anderen Individuums beeinflussen kann, wie am Beispiel der Albatrosse gezeigt. Damit allerdings diese indirekten Effekte einen genetischen Einfluss haben können, müsste gleichgeschlechtliches Verhalten vererbt werden können - das allerdings ist durchaus umstritten. Alles in allem: ein lohnendes Forschungsfeld, das gerade erst entdeckt wird.
[Ich habe hierzu einen Nachtrag verfasst.]
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(*) und das sind alles ziemlich intelligente Tierchen!
«Weibchen bekommen je die Hälfte ihres Erbgutes von der Mutter, die andere Hälfte vom Vater. Die Wahrscheinlichkeit, daß zwei Schwestern denselben Chromosomensatz von der Mutter haben, beträgt 0.5, denn die Mutter besitzt zwei Chromosomensätze. Der Vater aber hat nur einen Satz: Die Wahrscheinlichkeit, daß zwei Schwestern vom Vater denselben Satz bekommen, ist also gleich 1. Es ergibt sich ein Verwandtschaftsverhältnis von zwei Schwestern von (0.5 x 0.5) + (0.5 x 1.0) = 0.75. Da die Mutter nur einen ihrer beiden Chromosomensätze an jede Tochter weitergeben kann, beträgt die Verwandtschaft zwischen Mutter und Tochter 1/2. Demnach sind also Schwestern untereinander näher verwandt als Mutter und Tochter. Männchen dagegen bekommen ihr ganzes Erbgut von der Mutter. (...) Wenn nun ein Individuum für soziale Hilfeleistungen jeweils die ihm nächst verwandten Individuen bevorzugt, weil es damit seinem Erbgut den größten Vorteil verschafft, dann müßten hier weibliche Tiere bevorzugt für ihre Schwestern sorgen, mit denen sie 3/4, verwandt sind, anstatt für eigene Junge, mit denen sie ja nur 1/2 verwandt wären. Und genau dies geschieht tatsächlich: Die Staaten der Bienen, Ameisen und anderer Hautflügler bilden sich ja gerade dadurch, daß die weiblichen Nachkommen einer Königin auf eigene Nachkommen verzichten und als sterile Arbeiterinnen die weiteren Eier und Larven ihrer Mutter pflegen, aus denen wieder Schwestern schlüpfen«.
Diese eigentümliche Verwandtschaftsverhältnisse machen übrigens deutlich, dass nicht nur die tumbe Rein- und Raus-Methode (ich meine den Geschlechtsverkehr) Gene ausstreut, sondern dass es mancherlei Umwege geben kann, die ähnliches bewerkstelligen. Will ich 50% meiner Gene aussäen, kann ich Kinder zeugen oder meine Geschwister unterstützen - es käme auf dasselbe hinaus (eigenartigerweise muss man sich dann aber fragen, warum soviele Geschwister miteinander im Streit leben?). Ich will dieses Prinzip an einem anderen Beispiel veranschaulichen: wenn ich eine auf die Nase kriege, kann ich sofort zurückschlagen, und wenn ich stärker bin als der Gegner, hat das einen unmittelbaren und vielleicht nachhaltigen Erfolg. Bin ich dagegen schwächer, genügt es womöglich, einen anderen anzustacheln, meinem Widersacher auf die Fresse zu hauen oder, wie Ringelnatz das ausdrückt, in die Fresse zu knacken. Sobald mein Kumpel stark genug genug ist, kann das Ziel hervorragend erreicht werden - weitaus besser, als hätte ich Schwächling selbst zugelangt. So verlaufen die Spiele der Macht - und sie sind von den Spielen der Vererbung womöglich nicht allzu weit getrennt.
Die Kin-Selection ist von Edward Wilson auch auf die Homosexualität übertragen worden, weswegen ich sie hier vorstelle, und zwar in der New York Times vom 22.10.1975:
«Homophile werden in unserer Gesellschaft weithin abgelehnt - wegen eines engstirnigen und unfairen biologischen Vorurteils: Ihre sexuelle Orientierung führt nicht zur Produktion von Kindern; deshalb können sie nicht sein. Sofern man Verständnis für diese Ansicht haben kann, ist sie eben Darwinismus im traditionellen eingeschränkten Sinne: Homosexualität führt nicht zur direkten Vermehrung von Genen. Aber Homosexuelle können Gene über Verwandten-Selektion vervielfältigen, vorausgesetzt, sie verhalten sich gegenüber Verwandten genügend selbstlos. Einiges spricht dafür, daß im frühen Jäger-Sammler-Abschnitt der menschlichen Evolution - und vielleicht sogar noch später - Homosexuelle regelmäßig als sterile Kaste dienten; sie förderten so das Überleben und den Reproduktionserfolg ihrer Verwandten durch eine effektivere Form der Unterstützung, als dies möglich gewesen wäre, hätten sie eigene Kinder gehabt. Wenn solche Kombinationen miteinander verwandter Hetero- und Homosexueller im Durchschnitt mehr Nachkommen hinterließen als ähnliche Gruppen reiner Heterosexueller, würde die Homosexualität stets ein prominentes Merkmal in der ganzen Population bleiben. Und sie ist zum Unbehagen von Anthropologen, Biologen und anderen noch heute in der großen Mehrzahl menschlicher Gesellschaften unübersehbar. Es existieren keine diese neue Hypothese der VerwandtenSelektion unterstützenden Evidenzen. Sie ist noch nicht einmal kritisch untersucht worden. Aber die Tatsache, daß sie in sich schlüssig ist und sich mit den Ergebnissen bezüglich der Verwandten-Selektion bei anderen Organismen deckt, sollte uns zu denken geben, bevor wir Homosexualität mit dem Aufkleber versehen».
Weiter mit den Tieren.
Andere adaptiven Mechanismen sind z.B. die indirekte Besamung: ein Männchen kann Samen bei seinem "Geliebten" platzieren, der wiederum diesen Samen weitergibt an die Weibchen, eine schräge Variante, die man von Brotkäfern (Tribolium castaneum) her kennt. Es gibt weiterhin die "Überdominanz"-Strategie, dann auch, was die Autoren "antagonistische Selektion" nennen: Genvarianten, die gleichgeschlechtliches Verhalten bei männlichen Kinder bereitstellen, erhöhen die Reproduktionschancen von Töchtern; das kann bei Realteilungsverhältnissen unter Menschen von Vorteil sein.
3. Die Autoren nennen jedoch auch nicht-adaptive Mechanismen. Z.B. ist es möglich, dass die Geschlechter bei gewissen Tierarten schlecht zu unterscheiden sind und daraus ein erhöhtes Auftreten von gleichgeschlechtlichen Aktivitäten aus einem Missverständnis heraus geschehen. Weiterhin ist der sogenannte "Gefangenen-Effekt" (prisoner effect) bekannt (auch "Nothomosexualität" geheißen): es handelt sich hier um Situationen, wo Weibchen nicht zur Verfügung stehen (wie in Gefängnissen, Internaten, bei der Armee u.ä.). Auch ungenügende Anpassung an eine neue Umwelt kann homosexuelles Verhalten erhöhen, ohne dass dies irgendeinen evolutionären Vor- bzw. Nachteil hätte.
4. Doch jenseits solcher Mechanismus, die ursächlich für gleichgeschlechtliches Verhalten sind, spekulieren die Autoren auch über evolutionäre Wirkungen solchen Verhaltens. Wenn homosexuelles Verhalten in bestimmten Tierarten bzw. unter gewissen Umständen in nennenswertem Umfang vorkommt - die Hälfte aller beobachteten Kopulationen bei Tümmlern ist gleichgeschlechtlich (!), ein Viertel aller Kopulationen bei Bartgeiern (*) -, dann wird das auch langfristige Effekte nach sich ziehen. Solche Überlegungen sind bis dahin noch nicht angestellt worden, und daher sind die Antworten zunächst einmal spekulativ.
Bei Vögeln hat man übrigens herausgefunden, dass männliche Homosexualität eher in polygamen, weibliche Homosexualität dagegen eher in monogamen Populationen vorkommt. Zuk und Bailey nennen für den letzten Fall etwa eine Kolonie von Albatrossen in Hawaii. Dort findet man brütende Paare, 31% davon sind rein weiblichen Paare, die auch gemeinsam die Eier ausbrüten. Warum? Bei Albatrossen müssen zwei Individuen Eier ausbrüten, eines allein genügt nicht. Der Bruterfolg der "lesbischen" Paare war dementsprechend größer als der Bruterfolg einsamer Weibchen. Gleichzeitig scheinen die lesbischen Paare "Scheidungen" von gemischtgeschlechtlichen Paaren zu verhindern, indem sie nämlich verhindern, dass sich Männchen an die Weibchen heranmachen (weil sie sie selbst schon in Beschlag genommen haben). Dadurch bleiben die Männchen brav und brüten weiter, statt sich um Sex zu bemühen. Ähnliche Verhaltensweisen hat man auch bei Rosenseeschwalben und Kalifornischen Möwen beobachtet. So helfen lesbische Frauen, notgeile Männer im Zaum zu halten!
Aber auch gegenteilige Wirkungen kann es geben; die Autoren nennen dies "sexuelle Selektion": hier werden männliche Tiere von Männchen angelockt, um danach selbst bessere Chancen bei den vernachlässigten Weibchen zu haben. Das ist - so würde ich es nennen - fies, aber so ist nun einmal die Tierwelt: Dungfliegen, Wüstenheuschrecken und Wespen machen es so.
Solche Effekte kann man "indirekte genetische Effekte" nennen, d.h. Effekte, durch die ein bestimmtes Individuum die Umwelt bzw. den Phänotyp eines anderen Individuums beeinflussen kann, wie am Beispiel der Albatrosse gezeigt. Damit allerdings diese indirekten Effekte einen genetischen Einfluss haben können, müsste gleichgeschlechtliches Verhalten vererbt werden können - das allerdings ist durchaus umstritten. Alles in allem: ein lohnendes Forschungsfeld, das gerade erst entdeckt wird.
[Ich habe hierzu einen Nachtrag verfasst.]
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(*) und das sind alles ziemlich intelligente Tierchen!
Das Auge sieht alles!