Donnerstag, 22. September 2011
Nicht minder lächerlich wärs, aus dem Erlebnis v. Gr., in der Turnstunde, bei mir Knabenliebe abzuleiten. Gesetzt, ich wäre erfüllt oder auch nur berührt von ihr, so würde das wohl tragisch sein, aber keine Ursache, mich zu schämen. Tatsächlich lag Liebe zu Knaben mir stets fern. Den Versuch gewisser Kreise (in den USA besonders), deren staatliche Zulassung zu erreichen, beklage ich, erstens sachlich: weil Knaben seelische Schocks erspart bleiben müssen; zweitens strategisch: weil Spezialaktionen solchen Ziels die Hauptbewegung kompromittieren, dem Muckerrum helfen. Das dem Griechischen entlehnte Wort Päderastie nährt schon genug Vorurteile, schafft schon genug Mißverständnisse; von den Rückwärtsern (und nicht ihnen nur) wird es meist mit Knabenliebe übersetzt. Ein schlichter Fehler! Denn pais, paidos, paidi, paida heißt auf deutsch keineswegs Knabe; es bezeichnet vielmehr, gleich dem stammverwandten englischen «boy», junge männliche Wesen von einschließlich der Knabenzeit an bis tief in ihre zwanziger Jahre. Wir Deutsche haben einen entsprechenden Ausdruck nicht. Pais deckt den gesamten Zeitraum zwischen Kindheit und Mannesalter. Zwar vmfaßt es die Kategorie Knabe, doch mit Gewißheit ebenso die Altersgruppen Ephebe, Jüngling, junger kraftvoller Mann. Erst auf den Mann, der aufgehört hat, iuvenis zu sein (Silbe 1 dieses Worts stimmt auch ihrem Inhalt nach mit Silbe unsres Worts Jugend überein!), trifft das griechische pais, das englische boy nicht mehr zu. Diese philologische Lage muß man endlich kapieren.
(Leben gegen die Zeit, Eros, S. 18)

Die Arbeit des Redaktionskomitees verlief in der Art, daß wir in kurzen Abständen regelmäßig zusammenkamen und ich dann meinen Gegenentwurf zu den Paragraphen des amtlichen Entwurfs ihrer Reihenfolge nach vorlegte. In zwei Fällen verfaßten ihn statt meiner die Professoren Felix Halle und Arthur Kronfeld. Die Diskussion erübrigte sich meist; nur sehr selten gab es Meinungen, die abwichen. Ich erinnere mich dreier Streitfälle, deren einer zu meiner Niederlage führte, in Sachen (irre ich nicht) der Kuppelei. In den beiden andern siegte ich. Es lohnt, kurz auf diese einzugehen. Der eine drehte sich um das Schutzalter für Jünglinge; anwesend und redeberechtigt, obwohl dem Redaktionsausschuß gar nicht angehörig, aber als rheinischer Pressemillionär und altes Mitglied des Wissenschaftlich-humanitären Komitees von Hirschfeld, dem Präsidenten des Kartells, leutselig eingeladen, forderte ein wichtigtuerisches Hutzelmännchen die Herabsetzung des Schutzalters auf zwölf, zur Not auf vierzehn Jahre. Ich ging in die Luft. Mit solcher Forderung würde unsre Aktion sich als Bumerang etabliert haben; gerade in den Augen der Unklaren, der Schwankenden, der allenfalls zu Gewinnenden hätten wir uns lächerlich gemacht. Selbstverständlich teilte Linsert meine Meinung; ich war glücklich, aus Hirschfeld's Mund zu vernehmen, daß auch er, trotz seiner Bindungen an den reichen Popel, sie teilte. Die andern schwiegen; die Forderung fiel.
(Leben gegen die Zeit, Eros, S. 98)




Freitag, 12. August 2011
Beflaumt und purpurbraun sind deine Wangen.
Wie Pfirschen anzuschaun sind deine Wangen,
und dennoch auch der Rose zu vergleichen.
So frisch, so lieblich, traun, sind deine Wangen.

a.g.




Dienstag, 2. August 2011
Why do men become so ugly when they become men?




Montag, 25. Juli 2011
Wer die Zeit immer totgeschlagen hat, dem bleibt ein Kadaver als Erinnerung.

(A.G.)




Samstag, 11. Juni 2011
War Lachen eh du lachtest? Waren Tränen
vor deinen Tränen? Wußte Gott von je,
wie deine Hände sind? Sahn wir schon Schnee
dem Frühling weichen, Sommernacht sich dehnen

und reif und wacher werden? - Ich versteh
verwunschne Worte. Aller Sehnsucht Sehnen
ist aufgetan und ist doch nur ein Wähnen
von Unsagbarem. Dein sind Lust und Weh.

O Stimme, Blick, unendliche Gebärde! -
Ich war in tiefe Einsamkeit gestellt.
Du kamst, der Eros einer neuen Erde.

Mit einem Lächeln wandelst du die Welt;
daß das Verschlossene uns bräutlich werde.
Nun bin ich allem Dasein zugesellt.




Freitag, 3. Juni 2011
Als wir Maximin zum erstenmal in unsrer Stadt begegneten stand er noch in den knabenjahren. Er kam uns aus dem siegesbogen geschritten mit der unbeirrbaren festigkeit des jungen fechters und den mienen feldherrlicher obergewalt jedoch gemildert durch jene regbarkeit und schwermut die erst durch jahrhunderte christlicher bildung in die angesichter des volkes gekommen war. Wir erkannten in ihm den darsteller einer allmächtigen jugend wie wir sie erträumt hatten · mit ihrer ungebrochenen fülle und lauterkeit die auch heut noch hügel versezt und trocknen fusses über die wasser schreitet – einer jugend die unser erbe nehmen und neue reiche erobern könnte. Wir hatten allzuviel gehört von der weisheit die das lezte rätsel zu lösen wähnte · allzuviel gekostet von der buntheit der sich überstürzenden erscheinungen .. die unermessliche fracht äusserer möglichkeiten hatte dem gehalt nichts zugefügt · das zu schillernde spiel aber die sinne abgestumpft und die spannungen gelähmt: was uns not tat war Einer der von den einfachen geschehnissen ergriffen wurde und uns die dinge zeigte wie die augen der götter sie sehen.




Mittwoch, 11. Mai 2011
Du sollst des eigenen Wahnes Wächter sein,
in Haß und Hader ein Gerechter sein.
Dem vom Geschick dir anvertrauten Gut
sollst du ein Mehrer, nicht nur Pächter, sein.
Was Toren reden, schlage in den Wind.
Du wirst nicht besser oder schlechter sein,
ob sie dich rühmen oder schmähn. Der Hohn
der Menge soll dir ein Gelächter sein.
Die Würde sollst du wahren vor dir selbst
und des Verächtlichen Verächter sein.

A.G.