Dienstag, 9. Februar 2010
Thema: Griechen
Der Feldherr Xenophon war auch Schriftsteller und Schüler des Sokrates, darüber hinaus ein „Knabenliebhaber“. In seinen "Denkwürdigkeiten" schreibt er über Sokrates' Verhältnis zur Liebe:


Er forderte auch dazu auf, sich mit aller Macht des Liebesgenusses zu enthalten, welchen die Schönen gewähren. Er sagte, daß einer, der diese berühre, sich nicht leicht im Zaume halten könne. So hatte er denn erfahren, daß einst Kritobulos, der Sohn des Kriton, den schönen Sohn des Alkibiades geküßt habe. In Anwesenheit des Kritobulos fragte er nun den Xenophon: »Sage mir, Xenophon, warst du nicht der Meinung, Kritobulos gehöre eher zu den besonnenen Menschen als zu den waghalsigen und eher zu den überlegten als zu den unbedachten und Draufgängern?« X.: »Ja, ganz gewiß.« S.: »Nun glaube aber, daß er sehr heißblütig und zügellos ist! Er könnte sich wohl mit dem Kopfe voran in Schwerter stürzen oder auch ins Feuer springen.« X.: »Auf Grund welcher Beobachtung bist du zu dieser Anschuldigung gegen ihn gekommen?« S.: »Wagte es Kritobulos nicht, den Sohn des Alkibiades zu küssen, der schön anzusehen ist und in seiner Jugendblüte steht?« X.: »Wenn nur dieses die waghalsige Tat ist, so glaube auch ich, eine solche Gefahr bestehen zu können.« S.: »Du Unglücklicher, und was glaubst du für Folgen zu erleiden, wenn du einen Schönen geküßt hast? Glaubst du nicht, daß du sofort ein Sklave bist an Stelle eines Freien, daß du vieles aufwendest für verderbliche Vergnügungen, daß du gar keine Muße mehr hast, dich mit etwas Schönem und Gutem abzugeben, daß du vielmehr gezwungen würdest, dich ernsthaft mit Dingen zu befassen, mit denen sich nicht einmal ein Rasender befassen würde?« X.: »Beim Herakles, welch gewaltige Kraft legst du dem Kusse bei!« S.: »Und darüber wunderst du dich? Weißt du nicht, daß Spinnen, die nicht einmal einen Obolos groß sind, durch bloße Berührung mit dem Munde die Menschen mit wahnsinnigen Schmerzen zur Verzweiflung bringen und sie ihres Sinnes berauben?« X.: »Ja gewiß, denn die Spinnen geben beim Biß etwas Gift mit.« S.: »Du Tor, glaubst du nicht, daß auch die Schönen denen, die sie küssen, etwas einflößen, das du nicht siehst? Weißt du nicht, daß dieses "Tier", welches sie >schön< und >reif< nennen, in dem Maße gefährlicher ist als die Spinnen, als jene zwar durch Berührung, dieses aber nicht einmal durch Berührung, sondern schon, wenn es einer ansieht - mag es auch noch so weit weg sein - etwas einflößt, das Raserei entfacht? So rate ich dir denn, Xenophon, sooft du irgendeinen Schönen siehst, zu entfliehen, ohne dich umzuwenden, dir aber, Kritobulos, gebe ich den Rat, für ein Jahr ins Exil zu gehen, vielleicht wirst du aber kaum in so langer Zeit wieder gesund.« So glaubte er, auch diejenigen, welche im Liebesgenuß nicht standhaft seien, sollten ihr Liebesverlangen auf das richten, was die Seele ohne den allzu dringenden Wunsch des Körpers begehren dürfe, was aber, wenn er unbedingt danach verlange, die Seele nicht verwirre. Er selber war in dieser Beziehung offensichtlich so gefestigt, daß er sich leichter der Schönsten und Reifsten enthielt, als sich andere der Häßlichsten und Verblühten enthalten. Was Speise, Trank und Liebesgenuß anbelangt, war er so beschaffen, und er meinte, daß er nicht weniger genügend Lust habe als die, welche immer auf das Genannte ausgehen, dass er aber viel wenig4er von Unlust geplagt werde.





Montag, 8. Februar 2010
Thema: Namenlos
Das Helfer-Am-Nest-Sydrom ist ein weiteres Beispiel eines Verhaltens, das nicht direkt die Nachkommenschaft erhöht, aber im Rahmen einer adaptiven Strategie erfolgreich sein kann. Um dieses Phänomen zu verstehen, muss man sich erst einmal mit dem Thema der Gesamtfitness vertraut machen, die der Biologe William Hamilton entworfen und Edward Wilson populär gemacht hat - im Gegensatz zur "egoistischen" Darwin-Fitness. Die Gesamtfitness geht davon aus, dass für den Reproduktionserfolg nicht die Anzahl der direkten Gene von Bedeutung ist, sondern auch der indirekten. Wenn ein Individuum Verwandten hilft - also den Brüdern, Schwestern usw. -, z.B. Eier auszubrüten bzw. Kinder großzuziehen, dann hielt das zumindest zumindest zu einem gewissen Teil auch seine eigene Gene zu erhalten: Geschwister teilen sich ca. 50% der Gene wie übrigens auch die ureigenen Kinder mit den Eltern - die Kinder der Geschwister haben dann immerhin zu 25% den Genbestand dieses Individuums. Wenn ältere Geschwister die Rolle der Eltern übernehmen, dann handeln sie damit auch "gen-egoistisch"; Soziobiologien wie Edward Wilson nennen solche Strategien "kinship-selection" (Verwandtschaftsselektion). Diese Kinship-Selektion stellt übrigens auch den Schlüssel zur Verfügung, wie man staatenbildende Tierarten (Ameisen, Bienen) soziobiologisch zu interpretieren hat; am Beispiel der Bienen will ich das illustrieren:

«Weibchen bekommen je die Hälfte ihres Erbgutes von der Mutter, die andere Hälfte vom Vater. Die Wahrscheinlichkeit, daß zwei Schwestern denselben Chromosomensatz von der Mutter haben, beträgt 0.5, denn die Mutter besitzt zwei Chromosomensätze. Der Vater aber hat nur einen Satz: Die Wahrscheinlichkeit, daß zwei Schwestern vom Vater denselben Satz bekommen, ist also gleich 1. Es ergibt sich ein Verwandtschaftsverhältnis von zwei Schwestern von (0.5 x 0.5) + (0.5 x 1.0) = 0.75. Da die Mutter nur einen ihrer beiden Chromosomensätze an jede Tochter weitergeben kann, beträgt die Verwandtschaft zwischen Mutter und Tochter 1/2. Demnach sind also Schwestern untereinander näher verwandt als Mutter und Tochter. Männchen dagegen bekommen ihr ganzes Erbgut von der Mutter. (...) Wenn nun ein Individuum für soziale Hilfeleistungen jeweils die ihm nächst verwandten Individuen bevorzugt, weil es damit seinem Erbgut den größten Vorteil verschafft, dann müßten hier weibliche Tiere bevorzugt für ihre Schwestern sorgen, mit denen sie 3/4, verwandt sind, anstatt für eigene Junge, mit denen sie ja nur 1/2 verwandt wären. Und genau dies geschieht tatsächlich: Die Staaten der Bienen, Ameisen und anderer Hautflügler bilden sich ja gerade dadurch, daß die weiblichen Nachkommen einer Königin auf eigene Nachkommen verzichten und als sterile Arbeiterinnen die weiteren Eier und Larven ihrer Mutter pflegen, aus denen wieder Schwestern schlüpfen«.

Diese eigentümliche Verwandtschaftsverhältnisse machen übrigens deutlich, dass nicht nur die tumbe Rein- und Raus-Methode (ich meine den Geschlechtsverkehr) Gene ausstreut, sondern dass es mancherlei Umwege geben kann, die ähnliches bewerkstelligen. Will ich 50% meiner Gene aussäen, kann ich Kinder zeugen oder meine Geschwister unterstützen - es käme auf dasselbe hinaus (eigenartigerweise muss man sich dann aber fragen, warum soviele Geschwister miteinander im Streit leben?). Ich will dieses Prinzip an einem anderen Beispiel veranschaulichen: wenn ich eine auf die Nase kriege, kann ich sofort zurückschlagen, und wenn ich stärker bin als der Gegner, hat das einen unmittelbaren und vielleicht nachhaltigen Erfolg. Bin ich dagegen schwächer, genügt es womöglich, einen anderen anzustacheln, meinem Widersacher auf die Fresse zu hauen oder, wie Ringelnatz das ausdrückt, in die Fresse zu knacken. Sobald mein Kumpel stark genug genug ist, kann das Ziel hervorragend erreicht werden - weitaus besser, als hätte ich Schwächling selbst zugelangt. So verlaufen die Spiele der Macht - und sie sind von den Spielen der Vererbung womöglich nicht allzu weit getrennt.

Die Kin-Selection ist von Edward Wilson auch auf die Homosexualität übertragen worden, weswegen ich sie hier vorstelle, und zwar in der New York Times vom 22.10.1975:

«Homophile werden in unserer Gesellschaft weithin abgelehnt - wegen eines engstirnigen und unfairen biologischen Vorurteils: Ihre sexuelle Orientierung führt nicht zur Produktion von Kindern; deshalb können sie nicht sein. Sofern man Verständnis für diese Ansicht haben kann, ist sie eben Darwinismus im traditionellen eingeschränkten Sinne: Homosexualität führt nicht zur direkten Vermehrung von Genen. Aber Homosexuelle können Gene über Verwandten-Selektion vervielfältigen, vorausgesetzt, sie verhalten sich gegenüber Verwandten genügend selbstlos. Einiges spricht dafür, daß im frühen Jäger-Sammler-Abschnitt der menschlichen Evolution - und vielleicht sogar noch später - Homosexuelle regelmäßig als sterile Kaste dienten; sie förderten so das Überleben und den Reproduktionserfolg ihrer Verwandten durch eine effektivere Form der Unterstützung, als dies möglich gewesen wäre, hätten sie eigene Kinder gehabt. Wenn solche Kombinationen miteinander verwandter Hetero- und Homosexueller im Durchschnitt mehr Nachkommen hinterließen als ähnliche Gruppen reiner Heterosexueller, würde die Homosexualität stets ein prominentes Merkmal in der ganzen Population bleiben. Und sie ist zum Unbehagen von Anthropologen, Biologen und anderen noch heute in der großen Mehrzahl menschlicher Gesellschaften unübersehbar. Es existieren keine diese neue Hypothese der VerwandtenSelektion unterstützenden Evidenzen. Sie ist noch nicht einmal kritisch untersucht worden. Aber die Tatsache, daß sie in sich schlüssig ist und sich mit den Ergebnissen bezüglich der Verwandten-Selektion bei anderen Organismen deckt, sollte uns zu denken geben, bevor wir Homosexualität mit dem Aufkleber versehen».

Weiter mit den Tieren.

Andere adaptiven Mechanismen sind z.B. die indirekte Besamung: ein Männchen kann Samen bei seinem "Geliebten" platzieren, der wiederum diesen Samen weitergibt an die Weibchen, eine schräge Variante, die man von Brotkäfern (Tribolium castaneum) her kennt. Es gibt weiterhin die "Überdominanz"-Strategie, dann auch, was die Autoren "antagonistische Selektion" nennen: Genvarianten, die gleichgeschlechtliches Verhalten bei männlichen Kinder bereitstellen, erhöhen die Reproduktionschancen von Töchtern; das kann bei Realteilungsverhältnissen unter Menschen von Vorteil sein.

3. Die Autoren nennen jedoch auch nicht-adaptive Mechanismen. Z.B. ist es möglich, dass die Geschlechter bei gewissen Tierarten schlecht zu unterscheiden sind und daraus ein erhöhtes Auftreten von gleichgeschlechtlichen Aktivitäten aus einem Missverständnis heraus geschehen. Weiterhin ist der sogenannte "Gefangenen-Effekt" (prisoner effect) bekannt (auch "Nothomosexualität" geheißen): es handelt sich hier um Situationen, wo Weibchen nicht zur Verfügung stehen (wie in Gefängnissen, Internaten, bei der Armee u.ä.). Auch ungenügende Anpassung an eine neue Umwelt kann homosexuelles Verhalten erhöhen, ohne dass dies irgendeinen evolutionären Vor- bzw. Nachteil hätte.

4. Doch jenseits solcher Mechanismus, die ursächlich für gleichgeschlechtliches Verhalten sind, spekulieren die Autoren auch über evolutionäre Wirkungen solchen Verhaltens. Wenn homosexuelles Verhalten in bestimmten Tierarten bzw. unter gewissen Umständen in nennenswertem Umfang vorkommt - die Hälfte aller beobachteten Kopulationen bei Tümmlern ist gleichgeschlechtlich (!), ein Viertel aller Kopulationen bei Bartgeiern (*) -, dann wird das auch langfristige Effekte nach sich ziehen. Solche Überlegungen sind bis dahin noch nicht angestellt worden, und daher sind die Antworten zunächst einmal spekulativ.

Bei Vögeln hat man übrigens herausgefunden, dass männliche Homosexualität eher in polygamen, weibliche Homosexualität dagegen eher in monogamen Populationen vorkommt. Zuk und Bailey nennen für den letzten Fall etwa eine Kolonie von Albatrossen in Hawaii. Dort findet man brütende Paare, 31% davon sind rein weiblichen Paare, die auch gemeinsam die Eier ausbrüten. Warum? Bei Albatrossen müssen zwei Individuen Eier ausbrüten, eines allein genügt nicht. Der Bruterfolg der "lesbischen" Paare war dementsprechend größer als der Bruterfolg einsamer Weibchen. Gleichzeitig scheinen die lesbischen Paare "Scheidungen" von gemischtgeschlechtlichen Paaren zu verhindern, indem sie nämlich verhindern, dass sich Männchen an die Weibchen heranmachen (weil sie sie selbst schon in Beschlag genommen haben). Dadurch bleiben die Männchen brav und brüten weiter, statt sich um Sex zu bemühen. Ähnliche Verhaltensweisen hat man auch bei Rosenseeschwalben und Kalifornischen Möwen beobachtet. So helfen lesbische Frauen, notgeile Männer im Zaum zu halten!



Aber auch gegenteilige Wirkungen kann es geben; die Autoren nennen dies "sexuelle Selektion": hier werden männliche Tiere von Männchen angelockt, um danach selbst bessere Chancen bei den vernachlässigten Weibchen zu haben. Das ist - so würde ich es nennen - fies, aber so ist nun einmal die Tierwelt: Dungfliegen, Wüstenheuschrecken und Wespen machen es so.

Solche Effekte kann man "indirekte genetische Effekte" nennen, d.h. Effekte, durch die ein bestimmtes Individuum die Umwelt bzw. den Phänotyp eines anderen Individuums beeinflussen kann, wie am Beispiel der Albatrosse gezeigt. Damit allerdings diese indirekten Effekte einen genetischen Einfluss haben können, müsste gleichgeschlechtliches Verhalten vererbt werden können - das allerdings ist durchaus umstritten. Alles in allem: ein lohnendes Forschungsfeld, das gerade erst entdeckt wird.

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(*) und das sind alles ziemlich intelligente Tierchen!




Sonntag, 7. Februar 2010
Thema: Namenlos
Zwei Fragen stellen sich nun bezüglich der Existenz von gleichgeschlechtlichen Präferenzen (*). Das Warum: warum kommt ein Tier auf die Idee, einen gleichgeschlechtlichen Kontakt einzugehen, d.h. die Frage nach der Ursache. Und das Wozu: was macht ein solches Verhalten stabil, d.h. die Frage nach der Funktion. Letztere Frage wird heute in Begriffen des evolutionären Vorteils diskutiert, und in der Tat schält sich ja sofort ein Paradox heraus in Sachen Gleichgeschlechtlichkeit: bislang wurden evolutionäre Vorteile eines gewissen Verhaltens damit begründet, dass sie einen Reproduktionsvorteil gewähren. Nun ist jedoch homosexuelles Verhalten - als solches betrachtet - gerade nicht-reproduktiv: da können die Partner es solange miteinander treiben, wie sie lustig sind - es kommen keine Kinder dabei heraus. Der evolutionäre Vorteil, in dieser Form betrachtet, stellt sich als das Argument der Widernatürlichkeit in neuer Version heraus. Aber trotzdem - und damit kommt das Paradox erst richtig zum Tragen: homosexuelles Verhalten ist erstaunlich stabil über die Jahrtausende hinweg, selbst in Umständen wie dem christlichen (Spät-)Mittelalter, wo es verpönt, oder in der christlichen Neuzeit, wo es geradezu verfemt war. Und es ist wohl auch erstaunlich stabil in Tierpopulation.

Wie das?

Im letzten Jahr haben die Biologen Nathan W. Bailey und Marlene Zuk von der University of California in Riverside einen Überblick über solche Theorien publiziert (**). Ihren Artikel und die Überblicke anderer Autoren wie Volker Sommer möchte ich für die folgenden Darlegungen benutzen.

Bei der Erforschung der Ursachen kann man grob zwischen unmittelbaren, adaptiven und nicht-adaptiven Mechanismen unterscheiden. Diese unmittelbaren Ursachen beziehen sich grob gesehen auf genetische, neurologische und hormonelle Faktoren, vor allem Fruchtfliegen, Fadenwürmer und Zebrafinken hat man hier untersucht.

1. Unmittelbar: Bei den Fruchtfliegen (Drosophila melanogaster), den Lieblingsobjekten der Genetik, weil sie sich so schnell vermehren, hat man homosexuelles Verhalten mittels Genmanipulation künstlich erzeugt. Dabei kam man zu den unterschiedlichsten Arten und Auswirkungen dieses Verhaltens, z.B. das Aus- bzw. Anschalten des Genes "fruitless" bewirkte unterschiedliche Intensitäten mann-männlichen Werbens. Doch auch andere Gene scheinen beteiligt zu sein - ich erspare mir die Aufzählung ihrer Namen -, denn ihre Manipulation beeinträchtigt die Aufnahme von Pheromonen (sexuell aktive Duftstoffe), was sich in subtilen Änderungen des Verhaltens niederschlägt. Z.B. kann das dazu führen, dass ein solches Männchen die Geschlechter nicht mehr unterscheiden kann und wahllos auf Männchen wie Weibchen "fliegt". Übrigens kann auch Ethanol ein solches Verhalten bewirken (ja, ja, der Alkohol...!). Es ist klar, dass solche Verwirrungen der Gefühle nicht mit einer Präferenz im eigentlichen Sinn verwechselt werden darf.



2. Die adaptiven Erklärungsmuster werden bemüht, um das Paradox der Nichtreproduktion durch gleichgeschlechtliches Verhalten in traditionelle evolutionäre Erklärungen zu integrieren.

Hier wären zunächst einmal alle Verhaltensmuster zu nennen, die soziale Bindungen unterstützen oder verstärken. Beispiele sind etwa die Männerbünde der Großen Tümmler, der Eichelspechte und Japanischen Makaken: hier rotten sich die männlichen Tiere zusammen, wobei dabei entstehende aggressive Spannungen durch Sex reduziert werden. Die Sexspiele führen einerseits dazu, solche Spannungen erst gar nicht entstehen zu lassen, andererseits können sie die Versöhnung unter den Tieren erleichtern, nachdem es zu Konflikten gekommen ist.

Einen weiteren adaptiven Mechanismus nennen die Forscher "intrasexueller Konflikt" und meinen damit Verhaltensweisen, wo ein männliches Tier ein anderes männliches Tier besteigt, um es davon abzuhalten, ein Weibchen zu besteigen und damit die eigenen Reproduktionschancen zu erhöhen; solche Verhaltensweisen kennt man von den Dungfliegen; naja. Aber auch ein entgegengesetztes Verhalten gibt es: bei einer bestimmten Fischart Girardinichthys multiradiatus kreieren schwächere männliche Tiere einen schwarzen Fleck auf ihrer Bauchdecke - üblicherweise das Zeichen eines schwangeren Weibchens - um so die Aggressionen stärkerer (männlicher) Tiere abzuwehren und damit die eigenen Überlebenschancen und erhöhen; eine Art Tuntenstrategie, so würde ich das nennen.

Aber es gibt auch die "päderastische" Variante gleichgeschlechtlichen Verhaltens: Jüngere Lebewesen lernen die Arten und Weisen des Werbens um Weibchen, wenn sie selbst von diesen umworben werden. Dieses Wissen benutzen sie anschließend, um selber bei den Weibchen bessere Chancen zu erhalten - solches Verhalten hat man bei den schon angesprochenen Fruchtfliegen beobachtet, ebenso bei den Flamingos. Eine interessante Beobachtung, finde ich: tatsächlich sind ja auch die umworbenen Jünglinge in päderastischen Verhältnissen bei Menschen in überwiegendem Maße "heterosexuell" und können ihr Wissen daher gut für die Mädels verwenden. In der opferorientierten Forschung nennt man dies dann ein Schaden, nämlich die "Hypersexualisierung", was jedoch nichts anderes ist als die Weitergabe von Erlerntem. Es wäre mal interessant herauszufinden, ob solche "geschädigten" Teenager nicht später ein besseres Sexualleben bzw. mehr Kinder haben als "nichtgeschädigte"; Hinweise darauf gibt es.

Jetzt aber zurück zu den Tierchen.

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(*) Ich rede bewusst von Präferenzen, also Vorzugswahlen, um nicht auf die Problematik homosexueller Orientierungen - stabile Beziehungsmuster - eingehen zu müssen)
(**) Same-sex sexual behavior and evolution, Trends in Ecology and Evolution Vol.24 No.8, S. 439-446




Samstag, 6. Februar 2010
Thema: Namenlos
Und man hört sogar von päderastischen Beziehungen etwa bei Bärenmakaken, einer Affenart, die 1974 von der amerikanischen Primatologin Suzanne Chevalier-Skolnikoff an der kalifornischen Stanford-Universität beobachtet wurden:

Besonders auffällig war die stark sexuell getönte Beziehung zwischen dem ranghöchsten Männchen der Gruppe und einem Heranwachsenden. Der Ältere unterstützte ihn bei aggressiven Auseinandersetzungen. Der Heranwachsende pflegte sich mit dem Rücken ins Bauchfell des Älteren zu kuscheln, der die Arme um ihn legte und dabei den Penis des Jüngeren in der Hand hielt. Oft auch näherte sich der Ältere dem Jüngeren und untersuchte kurz dessen Genitalien. Das gehört gewöhnlich zum Dominanzverhalten, ist mit einem drohenden Gesichtsausdruck verbunden und kann zu einem kurzen Aufreiten führen. Die Begegnungen zwischen dem Älteren und dem Jüngeren hatten jedoch einen ganz anderen Charakter, waren sie doch nicht nur von jenem "positiven" Gesichtsausdruck begleitet, der zum Vorspiel von Kopulationen gehört, sondern auch von aufgeregtem Zähneklappern (einer soziopositiven Verhaltensweise), Umarmungen und gegenseitigem Lippenbeknabbern. Manchmal wandte sich der Ältere gleich nach der Kopulation mit einem Weibchen wieder einem homosexuellen Kontakt zu. Das legt nahe, daß nicht ein Mangel an Sex mit Weibchen die Ursache der Beziehung war, sondern daß die Homosexualität Ausdruck einer starken emotionalen Bindung der beiden Tiere war.



Auch bei den Bonobos, die für Sex immer gut sind, wurden Geschlechtsverkehr und intensive sexuelle Interaktionen in allen Varianten zwischen gegen- und gleichgeschlechtlichen Partnern mit massivem Altersgefälle festgestellt. Gemäss De Waal ist die häufigste Kombination die, dass ein adoleszentes Männchen mit einem Kind ventrodorsalen Geschlechtsverkehr vollziehe. Beim gegenseitigen Masturbieren zwischen männlichen Alt- und Jungtieren übernehme meistens der ältere Partner die aktivere Rolle. Diese hochfrequenten sexuellen Aktionen scheinen dabei eine wichtige Funktion im Rahmen der kollektiven Spannungsregulation zu erfüllen und damit der Abfuhr von aggressiven Impulsen zu dienen. (*)

Männliche Gorillas leben häufig in Junggesellentrupps und verkehren über Jahre hinweg sexuell bevorzugt mit einem Partner des gleichen Geschlechts - bis hin zum Samenerguss. Auch Löwen treiben es mitunter mit Löwen und Löwinnen mit Löwinnen. Weibliche Warzenschweine erregen sich bei homosexuellen Spielen, ebenso Makaken und Seehunde, Sumpfhühner, Königspinguine, Rosa-Flamingos und Elstern. In einem britischen Vogelpark haben zwei schwule Flamingos Eier von ihren heterosexuellen Artgenossen gestohlen und die Küken als ihre eigenen aufgezogen. "Carlos und Fernando sind seit fünf Jahren ein Paar", sagte Nigel Jarrett von dem Vogelpark im Südwesten Englands der Zeitung "Daily Mail". Die beiden seien liebevolle Eltern und hätten bereits drei Flamingo-Küken aufgezogen. Flamingos suchten sich in jedem Jahr einen neuen Partner, deshalb sei die fünfjährige Beziehung von Carlos und Fernando umso ungewöhnlicher, sagte Jarrett der Zeitung.



Im Zoo von Bremerhaven beobachtete man 6 Humboldt-Pinguine, die die üblichen Paarungstänze vollführten, Nester füreinander bauten und Sex miteinander hatten - jedoch keine Nachkommenschaft erzeugten. Erst später untersuchte man die Tiere per DNA-Test und fand heraus, dass sie allesamt männnlich waren. Selbst als man weibliche Pinguine in größerer Zahl einflog, hörten die Pinguine nicht mit ihrer Herumschwuchtelei auf: Unter Pinguinen - auch freilebenden - hat man seitdem ca. 10% homosexueller Paare ausgemacht.



Im Jahre 2007 gab es in Oslo sogar eine Ausstellung zum Thema "homosexuelle Tiere":

"Gleichgeschlechtliche Liebe ist unter mehr als 1.500 Tierarten nachgewiesen. [Ich ergänze: Bruce Bagemihl hat in einem Buch 450 Arten genauer beschrieben.] Die Wissenschaft hat das nur früher immer schamhaft verschwiegen", sagt Petter Bøckman bei der Vorführung der "eindeutigen" Fotos, Modelle, ausgestopften Tiere und erläuternden Texte. Viele Besucher verharren beim Foto der schmusenden Killerwal-Männchen oder unter dem schwebenden Modell der Delfin-Dame, die das Geschlechtsorgan ihrer Partnerin zärtlich mit der schmalen Schnauze stimuliert. Dass Tiere Sex nur zu Zwecken der Fortpflanzung betrieben, sei kompletter Unsinn. "Wir wissen ja nicht, was sie denken. Aber es ist wohl eindeutig, dass all das hier viel mit Spaß zu tun hat."

Wer noch nicht genug hat, sollte die englische Wikipedia zu Rate ziehen, dort findet er eine ansehnliche Liste schwuler Tiere.

Und wie machen's denn die lieben schwulen Tierchen?

Weibliche Delfine schieben ihre Flosse in den Genitalschlitz der Partnerin. Ebenfalls mit den Flossen massieren männliche Seekühe das Geschlecht ihres Partners. Bonobo-Männchen nehmen den Penis anderer Männchen in den Mund. Andere Affen schwingen auf den Ästen zweier Bäume immer wieder gegeneinander, um ihre Penisse aneinander zu stoßen. Männliche Flussdelfine schieben ihr Genital in das Blasloch anderer Männchen.

Also durchaus erfindungsreich!

Demnächst mehr.

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(*) F.B.M. De Waal (1990): Sociosexual behavior used for tension regulation in all age and sex combination among bonobos In: Feierman J. R. (Hrsg.): Pedophilia-Biosocial Dimensions. Springer, New York.




Freitag, 5. Februar 2010
Wie die Hyäne ins christliche Bestiarium gelangte, kann nur gemutmaßt werden. Denn die Bibel spricht von den Schweinen, nicht von Hyänen - tatsächlich geht auch der Barnabasbrief auf die Schweine ein -, aber das griechische Wort für Schwein "hys" bzw. in der weiblichen Form "hyaina" mag zu dieser Verwechselung beigetragen haben. Der Geschlechterwechsel der Hyänen wiederum könnte sich dadurch erklären, dass die weibliche Hyäne eine riesige Clitoris besitzt (insbesondere die Tüpfelhyäne), die einem Penis ähnlich sieht. Und die angebliche Befruchtung des Wiesels durch den Mund mag von der Beobachtung herrühren, dass Wieselmütter ihre Jungen im Mund herumtragen. Ein Potpourri wilder und halbgarer Spekulationen, genährt von Übersetzungsfehlern und moralischen Vorurteilen - so sind sie, die wirkungsmächtigen christlichen Schriften, denen der heutige Papst höchste Rationalität zuordnet. Schon ein Jahrhundert später wurden die Thesen des Barnabasbriefes im Physiologicus aufgenommen, einer skurrilen Enzyklopädie über Tiere, die bis ins ausgehende Mittelalter studiert wurde. Hier treffen wir wieder auf Hyäne und Wiesel:

«Das Gesetz sagt: Der Physiologus sagt vom Wiesel, daß es eine solche Eigenart hat: Seine Schnauze empfängt vom Männchen, und, trächtig geworden, gebiert es durch die Ohren. Übel gebären sie durch die Ohren. (...) Das Gesetz sagt: Der Physiologus sagt von der Hyäne, daß sie mannweiblich ist. Bald ist sie männlich, bald weiblich. Ein ganz unreines Tier ist sie, weil sie ihre Natur verändert. Deswegen sagt auch Jeremia: Gleiche nun auch du nicht der Hyäne dadurch, daß du bald die männliche, bald die weibliche Natur liébhast. Diese Leute hat schon der göttliche Apostel verworfen und gesagt: Schön spricht der Physiologus über die Hyäne».

Und hier sind sie nun, die tuckigen Hyänen:



Ich fasse zusammen: Homosexualität ist deshalb schlecht, weil sie tierisch ist - wie Hase, Hyäne und Wiesel hinlänglich "beweisen". Aber die Tiere leben doch ihrer Natur entsprechend - oder nicht? Aber Homosexualität ist doch, wie wir bei Platon und Paulus lesen, wider die Natur! Bleiben wir bei der Natur: deren einzige Funktion ist, wenn man die Sexualität betrachtet, die Fortpflanzung - ganz so, wie es Platon ihr vorgeschrieben hat. Clemens von Alexandrien hat daraus die sogenannte Alexandrinische Regel erstellt: "Sexualität um eines anderen Zwecks als der Fortpflanzung willen auszuüben, verstößt gegen die Natur." (Paedag. 2.10). Und warum ist das so? Weil, wie Platon erzählt, Tiere sich eben nur um der Fortpflanzung willen paaren, d.h. entsprechend der Natur leben. Warum halten sich aber die Tiere Hase, Wiesel und Hyäne nicht daran? Weil sie unrein sind, etwa wie die Schlange, die Eva zur Sünde verführt hat.

Wie man das Naturargument dreht und wendet: es ergibt sich kein kohärenter Sinn. Auch wenn Professor Göppinger, Kriminologe an der Universität Tübingen, in einem Gutachten der SPD 1983 zum §175 meint, dass »die Schwulenfeindlichkeit der Bevölkerung natürlich auch getragen [sei] von dem Wissen jedes erwachsenen Menschen, dass biologisch nun einmal der Zweck der Sexualität die Fortpflanzung ist».

Ich komme also in die Neuzeit. Zwischenzeitlich ist das Grauen vor der Homosexualität im Rückgang begriffen. Doch was fangen wir jetzt mit den Tieren an? Sind sie schwul, sind sie gezwungenermaßen schwul, oder komplett unschwul, sie sie natürlich, unnatürlich oder gar widernatürlich? Rein, unrein? Ich hatte oben schon auf den schwulen Bullen Sunny Boy hingewiesen, Stammvater zahlreicher blühender Rinderherden. Und dass es Schafböcke gerne miteinander treiben und ca. 10% der Böcke sich nicht mit einem Schaf einlassen möchten, war den nachwuchsorientierten Schafzüchtern in Australien und Neuseeland immer schon ein Dorn im Auge. Daher wird an ihnen eifrig geforscht, um ihnen die Schwulitäten aus den Hormonen zu treiben:

Nicht jeder Schafbock steht auf eine Aue. Das ist ganz natürlich. Rund acht bis zehn Prozent der männlichen Schafe ziehen das eigene Geschlecht vor, sagen Experten. Nur wieso? Was unterscheidet die homo- von den heterosexuellen?
Dieser Frage verschrieb sich der Medizinwissenschaftler Charles Roselli. Er experimentiert mit Schafen, um das Rätsel zu lösen - und hat nun mit Hass-Mails, öffentlichen Schmähungen und unerfreulicher Prominenz in der Welt der Weblogs zu kämpfen.
Vor einem halben Jahr fing alles an. Die Tierschutzorganisation Peta erhob gegen Roselli den Vorwurf, er betreibe "unethische hormonverändernde Experimente an schwulen Schafen". Er gebe Millionen Steuerdollars aus, um Böcke zu töten und ihre Gehirne aufzuschneiden. Im November schrieb Martina Navratilova, ehemalige Tennisspielerin und offen lebende Lesbe, einen Brief an Rosellis obersten Chef, den Präsidenten der Oregon Health and Science University. Rosellis "homophobe und grausame Experimente" könnten nur als Versuch verstanden werden, "eine vorgeburtliche Behandlung zu entwickeln, um verschiedene sexuelle Zustände zu behandeln", behauptete Navratilova.
Der Vorwurf der Kritiker, zugespitzt formuliert: Roselli macht grausige Experimente, um einen Schalter zum Schwulsein zu finden.
(Spiegel 27.1.2007)



Sogar die Störche, die doch eigentlich die Kinder bringen, sind manchmal schwul - und trotzdem nachwuchsorientiert! So schreibt der Spiegel am 22.5.2006:

Im Zoo von Overloon versuchten vier Störche den natürlichen Drang, Nachwuchs aufzuziehen, mit ihrer Homosexualität zu vereinbaren - und hatten Erfolg. "Allen Küken geht es gut", sagte Zoo-Sprecherin Esther Jansen zu SPIEGEL ONLINE. Die drei Jungstörche, die in den vergangenen 14 Tagen im niederländischen Overloon geschlüpft sind. Ein Küken wird von zwei Storch-Männchen, zwei weitere Küken von zwei Storch-Weibchen aufgezogen.



Mehr Tierchen folgen.




Donnerstag, 4. Februar 2010
Thema: Namenlos
Diese beiden Überlegungen - erstens eine Wiederholung der Platonischen Argumente, zweitens aber auch die Kritik an ihrer Übertragbarkeit (weshalb ich ihm dankbar bin) - bringt der Dichter Ovid sehr anschaulich in seinen Metamorphosen zu Wort, wo es um ein lesbisches Mädchen geht:

Nie treibt Liebe die Kuh zur Kuh, zur Stute die Stute;
Wollvieh brennt für den Widder; nachgeht dem Hirsche die Hindin;
Vögel begatten sich so, und unter den sämtlichen Tieren
Ist kein Weibchen von Brunst nach anderem Weibchen ergriffen.
(Ov. Met. 9.731ff)

Das wäre also Platos verbitterte Greisentheorie, dann aber sieht Ovid selbst, wie wenig aussagekräftig tierisches Verhalten ist, wenn er sich Fragen über den Inzest stellt:

Lust einigt die andern Geschöpfe
Ohne Bedenken und Wahl. Auf dem Rücken zu tragen den Vater
Gilt nicht schimpflich der Kuh; dem Hengst wird Gattin die Tochter;
Schafen gesellt sich der Bock, die selbst er gezeugt, und der Vogel
Lässt sich befruchten von ihm, des Samen die Mutter empfangen.
Glücklich fürwahr, wem solches erlaubt! Nur menschliche Sorge
Gab boshaftes Gesetz, und neidische Rechte versagen,
Was zulässt die Natur. (10.324ff)

Tatsächlich, wenn ich da einmal nachhaken darf: wenn der Löwe die Kinder seines Vorgängers im Rudel auffrisst: welche Schlüsse ziehen wir daraus für menschliches Verhalten? Ist es gerechtfertigt, weil es ja offenbar einer gewissen Natur entspricht - und wäre die Natur eines Löwen die schlechteste? Wieviele Städte und Staaten tragen nicht den Löwen als Wappentier! Ist es aber vielleicht gerechtfertigt, gerade weil es sich um ein Tier handelt und wir Menschen etwas Besseres sind? Fragen über Fragen - doch wo sind die Antworten?

Platos Greisentheorie findet man auch im Roman des Longinus, Daphnis und Chloe wieder, den ich auszugsweise hier im Blog schon einmal vorgestellt habe, das entscheidende Zitat lautet:

Da ihn nun Daphnis endlich verstand und sagte, daß Böcke die Ziegen besprängen, zieme sich wohl; nie aber habe man einen Bock gesehen, der einen Bock, oder einen Widder, der statt der Schafe einen andern Widder, oder Hähne, die statt der Hennen andere Hähne bestiegen.

Platons These von der Widernatürlichkeit nahm Paulus wieder auf, auch den hatten wir schon einmal - nichts Neues gibt es unter der Sonne -, und zwar im Römerbrief:

Darum lieferte Gott sie entehrenden Leidenschaften aus: ihre Frauen vertauschten den natürlichen Verkehr mit dem widernatürlichen; ebenso gaben die Männer den natürlichen Verkehr mit der Frau auf und entbrannten in Begierde zueinander; Männer trieben mit Männern Unzucht und erhielten den gebührenden Lohn für ihre Verirrung. (Röm 1, 26-27)

Und mit den Autoritäten von Platon und Paulus in der Hinterhand konnte das "Argument" der Widernatürlichkeit seines Siegeszug ins christliche Abendland antreten. Bis heute noch, würde ich behaupten, selbst wenn man es vielleicht nicht mehr in Büchern findet, dann aber gewiss noch in den Köpfen. Klammheimlich: ...wenn da zwei Männer, widerspricht das nicht allem, was in der Natur...? Oder wenn das Hohe Gericht von Dublin im Jahr 1980 erklärt, dass «die gegenwärtige christliche Moral in diesem Lande Unzucht oder irgendeine sexuelle Handlung zwischen Menschen gleichen Geschlechts nicht hinnimmt». Der Grund sei, dass «die Vermehrung und die Erhaltung der jeweiligen Art die Hauptaufgabe der Geschlechtsorgane aller Tiere sei - inklusive des Menschen» (*). Also: das Argument zieht immer noch; es ist noch lange nicht tot. Doch dies nur am Rande. Zurück zum Christentum, denn nun kommen wieder die Tiere ins Spiel, und zwar in der Epistel des Barnabas. Selbst wenn diese Schrift nie EInzug in den allerheiligsten katholischen Kanon gefunden hat, war sie doch vin großer Wirkkraft über die Jahrhunderte hinweg. Dieser Barnabasbrief beschäftigt sich mit den Reinheitsgeboten des Buches Levithicus, nimmt dort die verschiedenen Tiere durch, von denen man sich fernhalten muss, und kommt dann auf Hase, Wiesel und Hyäne:

Aber auch den Hasen sollst du nicht essen. Weshalb? Er will sagen, du sollst kein Knabenschänder werden noch solchen ähnlich werden, weil der Hase jedes Jahr seinen After vervielfältigt; denn so viele Jahre er lebt, so viele Öffnungen hat er. Aber auch die Hyäne sollst du nicht essen. Er will sagen, du sollst kein Ehebrecher oder Knabenschänder oder etwas Derartiges werden. Weshalb? Weil dieses Tier jedjährlich sein Geschlecht ändert und bald männlich, bald weiblich wird. Aber auch das Wiesel verfolgt sein Hass mit gutem Grunde; er will sagen, du sollst nicht werden wie Leute, von denen man hört, dass sie aus Lasterhaftigkeit mit dem Munde Unzucht treiben, und du sollst nicht mit den verdorbenen Weibern verkehren, die mit ihrem Munde das Böse tun; denn dieses Tier wird durch den Mund schwanger.

Auch Clemens von Alexandrien stößt in das Horn des Barnabas:

Und zwar sagt man vom Hasen, daß er jedes Jahr einen neuen After bekomme und also ebenso viele Öffnungen habe, als er Jahre gelebt habe; demnach bedeute das Verbot, den Hasen zu essen, die Verwerfung der Knabenliebe; von der Hyäne dagegen sagt man, daß sie jedes Jahr abwechselnd das männliche Geschlecht mit dem weiblichen vertausche; derjenige, der keine Hyäne esse, deute also damit an, daß man nicht auf Buhlerei ausgehen dürfe. (Clem. Paed. 2.10.83.5) (**)

Sicher gibt es heute noch Theologen, die solchem geistigen Unflat noch einen innerlich tiefsten Sinn beilegen, der Biologe Volker Sommer kommentiert dagegen diese Aussagen wie folgt:

Wir sind hier mit einem der auffälligsten Charakteristika christlicher Argumentation gegen Homosexualität konfrontiert: Sie entbehrt jeder Logik und ist doch nachhaltig wirksam. Moses hat den drei Tieren diese bizarren Praktiken jedenfalls nicht zugeschrieben, aber die Fabeleien lassen sich auf verschiedene antike Quellen zurückführen. Warum dem Hasen mehrere Ani angedichtet wurden, ist unklar - seine Paarungsstellung ist jedenfalls nicht außergewöhnlich. Spätere Autoren haben fast durchgehend «Kinder-Belästiger» als «Knaben-Belästiger» übersetzt, weil sie Päderastie mit Homosexualität gleichsetzten. Aber selbst dann ist die Beziehung zwischen «Knaben-Belästiger» und einem Tier mit vielen Ani alogisch: denn natürlich wäre der Anus der Knaben von Interesse, nicht der des Belästigers.

Mehr zu den Hyänen, Wiesel und Hasen demnächst.

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(*) aus Du&Ich, Dezember 1980
(**) Nun wissen wir, was an der Knabenliebe falsch ist: Man bekommt jedes Jahr einen neuen After! Man muss allerdings zur Ehrenrettung des Clemens sagen, dass er nicht alle diese "Theorien" ernst nimmt, dazu lese man einfach das X. Kapitel des 2. Buch seines Paedagogicus.




Mittwoch, 3. Februar 2010
Thema: Namenlos
Die Tiere. Die Tiere auch? Ja, auch die Tiere! Im Lauf der Zeit hat sich eine ansehnliche Menge an Belegen angesammelt, die nahelegt, dass "homosexuelles" Verhalten nicht nur unter Menschen vorkommt, sondern auch im Tierreich. Es wäre allerdings eher ein Wunder, wenn dem nicht so wäre. Warum sollte der Mensch etwas Besonderes sein?

Die Tiere hatten im christlichen Verständnis bei diesem Thema eine zwiespältige Rolle gespielt: man zog sie heran gerade für diejenigen Absichten, die man gerade verfolgte und scheute vor Widersprüchen nicht zurück. Wie man es auch bei Bibelstellen tat und heute noch tut: Was passt, wird genommen, was nicht passt, wird verschwiegen. Doch eines nach dem anderen!

Wie man vielleicht weiß, war es bereits Platon, der als erster das Argument der Widernatürlichkeit in der Frage der "Knabenliebe" eingeführt hatte, und zwar in seiner letzten Schrift, den "Gesetzen", als er selbst betagt und bitter geworden war. Da griff er sich an die Nase und beschwor die Mär von der ewig gültigen Natur.

Mag man nämlich diese Sache im Scherz oder im Ernst betrachten, so ist doch daran festzuhalten daß der Genuß welchen die geschlechtliche Vereinigung eines Mannes und eines Weibes zum Zwecke der Zeugung mit sich bringt uns den Ordnungen der Natur gemäß verliehen, dagegen die Gemeinschaft der Männer mit Männern oder der Weiber mit Weibern naturwidrig und bei denen die zuerst dergleichen sich erfrecht haben aus Maßlosigkeit im Genusse hervorgegangen ist. (Pl.Nom. 636c-d)

Zur Unterstützung dieser These kommt er auf die Tiere zu sprechen:

Denn wenn wir, der Natur folgend, die Sitte die vor Laios galt zum Gesetze erheben und demgemäß behaupten daß es unrecht sei mit Männern und Jünglingen der gleichen sinnlichen Vermischung und des gleichen gemeinsamen Liebesgenusses wie mit Weibern zu pflegen, indem wir zum Zeugnis dafür die Tiere anführen und darauf hinweisen wie nie zu einem solchen Zwecke ein Männchen das andere berührt, und daraus den Schluß ziehen daß es nicht naturgemäß sei, so dürften wir wohl überzeugend reden und doch mit euren Staaten keineswegs übereinstimmen. (836 c-d)

- woraus dann unmittelbar eine Sexualordnung für die Menschen abgeleitet wird:

Nun also, da wir mit diesem Gesetze bereits so weit gediehen sind und nur noch wegen der Verderbtheit der Menge in Verlegenheit waren, erkläre ich daß wir mit unserer Vorschrift geradenwegs vorgehen und dabei unsern Bürgern vorstellen müssen daß sie nicht schlechter sein dürfen als die Vögel und viele andere Tiere, welche, mitten unter großen Herden geboren, doch bis in ihr Zeugungsalter ehelos, keusch und ohne Begattung und in der Folgezeit, nachdem sie es erreicht haben und Männchen mit Weibchen und Weibchen mit Männchen nach Neigung sich gepaart hat, treu und unentweiht leben, indem sie fest in der Verbindung verharren welche einmal ihre Zuneigung geschlossen hat. Es sei doch wohl nicht zu viel verlangt daß unsere Bürger besser als die Tiere sein sollen? (840d-e)

Inwieweit diese frommen Überlegungen überhaupt der Wirklichkeit entsprechen, werden wir noch sehen. Ich werde mir darüber hinaus die Frage stellen, was menschliche moralische Vorstellungen mit tierischem Verhalten überhaupt zu tun hat und ob hier nicht ein eklatanter Fehlschluss vorliegt; dazu aber später mehr.

Und für heute genug.




«Hübsche Jungen sind häufiger homosexuell!» Zu dieser Erkenntnis kommt Sexualmediziner Dr. R. Green von der US-Universität in Yale: Hübsche Jungen sind homosexuell. Der Psychiater hat über 15 Jahre die Lebenswege von 132 jungen Leuten untersucht. Verblüffendes Resultat: «Von 66 besonders hübschen jungen wurden drei Viertel homo- oder bisexuell. In der Kontrollgruppe mit weniger attraktiven Jungen fand sich nur einer zum gleichen Geschlecht hingezogen.» Die Meldung macht auch in Deutschland die Runde und erreicht sogar die Praline-Leserschaft. Das Busenblatt erläutert: «Die Ergebnisse der Studie lieferten nach Ansicht von Wissenschaftlern einen wichtigen Beitrag zu der nicht restlos geklärten Frage: Wodurch entsteht Homosexualität?»